Ich habe von diesem Laden gehört, bevor ich ihn je betreten habe, und jetzt ist es zu spät, das noch nachzuholen. Irgendwo in einer Seitenstraße abseits der Chuo-dori, dem Hauptboulevard von Akihabara, hat ein winziger, unabhängig geführter Buchladen für immer dichtgemacht, ganz ohne Tamtam, nur mit einem handgeschriebenen Zettel im Schaufenster. Kein Datum, keine Abschiedsfeier, kein Countdown auf irgendeinem Social-Media-Kanal, einfach weg. Und genau das macht die Geschichte so bezeichnend für das, was gerade mit dem Moloch Tokyo passiert.
Überblick
Der Laden, dessen Name in den meisten Berichten bewusst im Hintergrund bleibt, war eine dieser Institutionen, die man nur findet, wenn man sie schon kennt oder zufällig falsch abbiegt. Bekannt wurde das Ende durch ein YouTube-Video, das den letzten Öffnungstag dokumentierte und auf das sich praktisch jeder spätere Artikel zu diesem Fall beruft. Zu sehen war eine Ladenbesitzerin Mitte fünfzig, schwarze Jacke, Schal um den Hals, dazu eine Thermoskanne und Bündel von 同人誌 (doujinshi, selbstpublizierte Fan-Comics/Zines), mit Gummibändern zusammengehalten, auf der Theke. Keine große Inszenierung, einfach der ganz normale Alltag eines Ladens, der zum letzten Mal die Rollläden hochzieht.
Ein Laden, kleiner als dein Wohnzimmer
Wer den Laden nie gesehen hat, muss sich das ungefähr wie einen begehbaren Kleiderschrank vorstellen, eng, mit schmalem Eingang und Regalen, die bis zur Decke vollgestopft waren. Ein Augenzeugenbericht spricht von gerade einmal zwei Regalen und einem Klappstuhl, mehr Platz war schlicht nicht da. Genau in dieser Enge lag aber der Charme: Hier gab es gebrauchte Manga, Doujinshi, seltene Backnummern, Sammlerkataloge und Nischen-Referenzmaterial, das man bei den großen Ketten wie Animate, Mandarake, Yodobashi Camera oder Tsutaya schlicht nicht bekommt, weil es sich für deren Regalfläche nicht rechnet. Das Publikum war entsprechend gemischt, Sammler mittleren Alters, klamme Studenten, Cosplayerinnen und Cosplayer auf der Suche nach Referenzmaterial, und ab und zu verirrte sich ein Tourist hinein, meist ohne zu ahnen, was er da eigentlich gefunden hatte.
Warum ein Laden wie dieser einfach nicht mehr trägt
Die Besitzerin selbst hat den Grund im Video ziemlich nüchtern benannt: steigende Miete, veränderte Lieferketten und Sammler, die zunehmend online statt vor Ort kaufen. Klingt erstmal wie eine austauschbare Wirtschaftsfloskel, ist aber knallharte Rechnung.
- Steigende Gewerbemieten im Zentrum Akihabaras, die Berichten zum Tokioter Immobilienmarkt zufolge zwischen 2010 und 2020 um bis zu 40 Prozent gestiegen sind.
- Sinkende Kundenfrequenz, teils als Nachwirkung der Pandemie.
- Wachsende Konkurrenz durch Online-Sammlermarktplätze wie Mercari und Yahoo Auctions Japan.
Ich verstehe das, ich nutze diese Plattformen selbst, aber irgendwie fühlt es sich auch wie Verrat an, wenn ich ehrlich bin.
Vom Denki-gai zum Selfie-Hotspot
Was hier im Kleinen passiert, ist eigentlich die Geschichte von ganz Akihabara. Der Stadtteil trug lange den Spitznamen 電気街 (Denki-gai, Elektronik-/Elektroviertel), Elektro-Viertel, und war genau das: eine Ansammlung von Elektronikläden, die Nachkriegsjapan erst mit Radios, später mit Computern versorgt hat. Nach 2004 kippte das Viertel Richtung オタク (Otaku, eingefleischter Fan/Nerd (z.B. für Anime/Manga))-Kultur, und aus dem Denki-gai wurde nach und nach das, was Touristen heute als Akihabara kennen, Maid-Cafés, ガチャ (Gacha, Kapselautomat/Zufallsziehungsautomat)-Automaten und immer dieselben großen Ketten wie Yodobashi Camera, Sofmap, Animate und Mandarake. 個人経営の店 (kojin-keiei no mise, individuell/privat geführtes Geschäft), individuell geführte kleine Läden wie dieser Buchladen, verschwinden in diesem Prozess einer nach dem anderen, weil sie gegen Kettenmieten und Kettenlogistik einfach nicht ankommen. Kommentatoren beschreiben den Verlust dieses einen Ladens deshalb auch nicht als reines Wirtschaftsdetail, sondern als Verlust von Viertelgedächtnis, von genau der Art Charakter, die sich nicht nachbauen lässt, so sehr man es auch versucht.
Wo du diese Ladenkultur in Japan noch erleben kannst
Der eine Laden ist weg, das lässt sich nicht rückgängig machen, aber die Kultur dahinter existiert noch, du musst nur wissen, wo du suchen musst. Als Ausländer fällt es dir zuerst vielleicht schwer, diese Läden von den zehntausend anderen Krimskrams-Shops in Akihabara zu unterscheiden, aber genau das macht die Suche für uns ja auch reizvoll. Mandarake in Akihabara ist zwar längst eine Kette, aber innerhalb des Gebäudes gibt es immer noch verwinkelte Etagen voller Nischenware, die diesen kleinen Ladencharme zumindest andeuten. Wer echte kojin-keiei-Atmosphäre sucht, sollte eher nach Jimbocho fahren, dem Buchviertel Tokyos mit gefühlt hundert kleinen Antiquariaten, von denen viele seit Jahrzehnten von derselben Familie geführt werden. Auch in den Seitenstraßen abseits der Chuo-dori in Akihabara selbst gibt es noch vereinzelte Läden dieser Art, du musst nur bereit sein, ziellos durch Gassen zu laufen, statt stur der Google-Maps-Route zu folgen. Genau das ist für mich der eigentliche Reiz an dieser Art Sightseeing: du findest die interessanten Sachen nie da, wo die Reiseführer hinzeigen.
Ein paar Wörter, die du dir merken solltest
Wenn du auf eigene Faust durch Akihabara ziehst, lohnt sich ein bisschen Vokabular.
- 古本屋 (furuhon'ya, Antiquariat/Gebrauchtbuchladen), Antiquariat beziehungsweise Gebrauchtbuchladen
- doujinshi, selbstpublizierte Fan-Comics und Zines
- kojin-keiei no mise, individuell geführtes kleines Geschäft
- 閉店 (heiten, Ladenschließung), Ladenschließung, ein Wort, das man in Akihabara zuletzt leider öfter liest, als einem lieb ist
Wer sich für japanische Popkultur interessiert, kommt an diesen Begriffen sowieso nicht vorbei, also kannst du sie dir gleich einprägen.
Ob der nächste kleine Laden, den du in Akihabara entdeckst, in fünf Jahren noch da ist, kann dir niemand versprechen, das ist eigentlich das Traurige und gleichzeitig das, was solche Entdeckungen so dringlich macht. Wenn du wissen willst, wie sich der Rest des Viertels seit den Denki-gai-Tagen verändert hat und was davon heute noch echt ist, schau dir das am besten selbst vor Ort an, solange es noch etwas zu sehen gibt.






