Hakone-machi: Klein, aber mit echtem Matsuri-Kern
箱根 (Hakone, Hakone (Ort)) ist für die meisten Japanreisenden vor allem eins: Onsen, Bergblick auf den Fuji und Ryokan-Romantik. Doch Hakone ist nicht gleich Hakone. Das kleine Örtchen 箱根町 (Hakone-machi, Hakone-Stadt) am Südufer des Ashi-ko liegt etwas abseits der großen Touristenmagneten und hat eine eigene, ruhigere Seele. Hier kennt man sich, hier gibt es echte Nachbarschaftsfeste.
Verglichen mit Deutschland, wo Dorffeste oft eher Kirmescharakter haben, wirken japanische Lokalfeste wie das Kimitoki 祭り (matsuri, Fest) fast zeremoniell. Es geht um Geschichte, um lokale Gottheiten und um Gemeinschaft. Das Wort matsuri selbst bedeutet so viel wie Fest oder Feier, steckt aber tiefer: Es kommt vom Verb 祀る (matsuru, eine Gottheit verehren), also eine Gottheit verehren. Wer das weiß, schaut beim nächsten Umzug anders hin.
Kimitoki Matsuri: Was steckt hinter dem Fest?
Rate mal, was das Kimitoki Matsuri mit einem Knaben zu tun hat, der angeblich übermenschliche Kraft besaß? Alles. Das Fest ehrt Kintoki, im Volksmund oft Kintaro genannt, eine legendäre Figur aus der japanischen Folklore. Laut Überlieferung wuchs dieser rotbackige Junge mit außerordentlicher Körperkraft in den Wäldern des Hakone-Gebirges auf, spielte mit Wildtieren und wurde später zum treuen Gefolgsmann des Kriegers Minamoto no Yorimitsu.
Der Eigenname des Festes lautet Kimitoki Matsuri und wird rund um den Ashigara-Höhenzug gefeiert, zu dem auch der Kinoki-Schrein in der Region gehört. Jedes Jahr im Frühjahr, meist Anfang Mai, ziehen Teilnehmer in traditionellen Kostümen durch den Ort. Kinder verkleiden sich als Kintaro, ältere Bewohner begleiten den Umzug in Hakama und Festgewändern. Mein Tipp: Wer solche Feste verstehen will, sollte das Wort 神輿 (mikoshi, tragbarer Schrein) kennen, also den tragbaren Schrein, auf dem symbolisch die Gottheit durch die Straßen getragen wird. Das ist kein Bühnenbild für Touristen, das ist gelebter Glaube.
Warum gerade dieser Ort, warum gerade jetzt?
Der Bezug zu Hakone-machi ist kein Zufall. Die Gegend rund um den Ashi-ko und den Hakone-Jinja-Schrein gilt seit Jahrhunderten als spirituelles Zentrum. Schon im frühen Mittelalter pilgerten Menschen hierher. Das Kimitoki Matsuri knüpft an diese lange Tradition an und verbindet lokale Mythen mit dem saisonalen Rhythmus des Frühlings. Im Mai ist die Gegend normalerweise in sattem Grün, die Azaleen blühen an den Hängen und der Fuji zeigt sich an klaren Tagen überwältigend.
Normalerweise. Denn Hakone liegt in einer der regenreichsten Bergregionen Japans.
Starker Regen, Wind und trotzdem Matsuri
Ich erinnere mich noch genau, wie überrascht viele Erstbesucher Japans sind, wenn sie merken, dass Regen hier nicht als Hindernis betrachtet wird, sondern als Teil des Lebens. Das japanische Wort ame, also Regen, taucht in unzähligen Sprichwörtern und Liedtexten auf. Regen ist nicht der Feind des Festes.
Konkret heißt das, dass auch wenn der Wetterbericht für Anfang Mai 2025 in Hakone alles andere als freundlich aussah, starker Regen und Windböen inklusive, das Kimitoki Matsuri stattfand. Politikerin Murano Yukiko von der Komeito-Partei hielt in ihrem Blog fest, dass die Landschaft trotz des schlechten Wetters ihre Schönheit nicht verlor. Zwischen den Zeilen liest man die typisch japanische Haltung: Natur nimmt man, wie sie kommt.
Festumzüge bei Regen sind in Japan keine Seltenheit. Tsuyu, die Regenzeit im Juni, macht das sowieso zur Gewohnheit. Aber Hakone hat eine besondere Lage: Das Bergklima kann sich innerhalb von Stunden drehen, Nebelwände ziehen aus dem Tal hoch und Windböen kommen ohne Vorwarnung vom Kamm des Hakone-Gebirges. Wer dort ein Matsuri organisiert, plant das ein. Für Besucher aus dem Ausland ist das oft ein Kulturschock, für Einheimische einfach normal.
Was das Wetter mit dem Matsuri-Erlebnis macht
Jetzt kommt der Haken: Ein Matsuri im Regen ist in gewisser Weise echter als ein Fest bei perfektem Wetter. Die Teilnehmer machen es nicht des schönen Fotos wegen, sie machen es aus Überzeugung. Die Kinder im Kintaro-Kostüm laufen trotzdem mit, die Trommelgruppen spielen trotzdem und der Umzug zieht trotzdem seine Runden. Das führt dazu, dass man als Beobachter das Gefühl bekommt, etwas Echtes zu sehen und keinen Show-Tourismus.
Was ich besonders mag: In solchen Momenten, wenn es schüttet und der Geisterzug trotzdem durch den nassen Ort zieht, liegt etwas in der Luft, das schwer zu beschreiben ist. Auf Japanisch würde man vielleicht von mono no aware sprechen, dem Gefühl der vergänglichen Schönheit, das gerade im Vergänglichen besonders stark ist. Nasse Kostüme, beschlagene Brillen und Papierlaternen, die sich im Wind drehen. Das ist Japan, nicht die Hochglanz-Reisebroschüre.
Hakone erleben: Tipps für Japanisch-Lerner
Fun Fact: Hakone liegt nur etwa 80 Kilometer von Tokio entfernt und ist mit dem Romancecar der Odakyu-Linie in rund 85 Minuten erreichbar. Trotzdem fühlt es sich an wie eine andere Welt. Das macht die Region so gut geeignet für alle, die nicht nur Stadtluft schnuppern wollen.
Übrigens: Wer sein Japanisch in echten Situationen üben will, ist bei Lokalfesten viel besser aufgehoben als in Touristenhotels. An einem Matsuri-Stand hört man echtes, regionales Japanisch, keine polierte Hotelsprache. Vokabeln wie yatai für den Feststand, taiko für die große Trommel oder omatsuri als freundlichere Variante von matsuri sind im Alltagsgespräch sofort nützlich.
Ach ja, fast vergessen: Die beste Jahreszeit für Hakone liegt im Frühling und Herbst. Wer im Mai fährt, sollte wettertechnisch flexibel sein und einen guten Regenmantel dabei haben. Ein Kasa, also ein klassischer japanischer Regenschirm, lässt sich vor Ort für wenige Hundert Yen kaufen und ist ein kleines, aber schönes Souvenir.
Für mich persönlich gehören genau diese unplanbaren, leicht chaotischen Festmomente zu den stärksten Erinnerungen aus Japan. Kein perfektes Wetter, kein perfekter Plan, aber eine Atmosphäre, die lange im Gedächtnis bleibt.
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Häufige Fragen
Was ist das Kimitoki Matsuri in Hakone?
Es ist ein traditionelles Frühjahrsfest in der Region Hakone, das die Sagengestalt Kintaro ehrt, einen Jungen mit übermenschlicher Kraft aus der japanischen Folklore. Das Fest findet jährlich im Mai statt und umfasst Umzüge in historischen Kostümen sowie lokale Festtraditionen.
Lohnt sich ein Besuch in Hakone auch bei schlechtem Wetter?
Ja, definitiv. Hakone hat auch im Regen viel zu bieten: heiße Quellen, Museen und die eindrucksvolle Berglandschaft. Lokale Feste finden meist auch bei Regen statt und wirken dabei besonders authentisch.
Wie komme ich am besten nach Hakone-machi?
Von Tokio aus fährt man mit dem Romancecar der Odakyu-Linie bis Hakone-Yumoto, von dort weiter mit dem Bus oder der Hakone-Tozan-Bahn Richtung See. Bis nach Hakone-machi am Ashi-ko fährt ein lokaler Bus. Die Gesamtreise dauert etwa zwei Stunden.






