Überblick
Es gibt in ganz Japan, diesem Land, das jede Zugverbindung bis auf die Sekunde plant, nur noch einen einzigen regulären Nachtzug im klassischen Sinn, und das ist der Sunrise Izumo beziehungsweise sein Zwillingsbruder, der Sunrise Seto. Seit 1998 fahren die beiden jeden Abend von Tokyo Richtung Westjapan, gekoppelt als ein Zug, der sich unterwegs in zwei Hälften aufteilt, und sie sind damit so etwas wie ein lebendes Fossil im ansonsten durchgetakteten japanischen Bahnsystem. Betrieben wird der Sunrise Izumo gemeinsam von JR East, JR Central und JR West, beim Sunrise Seto kommt zusätzlich noch JR Shikoku mit ins Boot, weil der Zug ja am Ende auf die Insel Shikoku übersetzt. Für mich als jemand, der in Tokyo eigentlich ständig zwischen Shinkansen-Bahnsteigen hin- und herhetzt, war die erste Fahrt mit diesem Ding fast schon meditativ, weil hier plötzlich niemand mehr Wert auf Geschwindigkeit legt.
Die Route: Eine Nacht von Tokyo bis ans Japanische Meer und zur Seto-Inlandsee
Der Zug startet nicht, wie viele erwarten, am Shinjuku Bahnhof, sondern ganz offiziell am Tokyo Bahnhof, und zwar irgendwo zwischen 21:50 und 22:00 Uhr abends. Bis Okayama, wo der Zug gegen 06:27 Uhr morgens ankommt, fahren beide Zugteile gemeinsam als ein Verbund, und genau dort, mitten in der Nacht, während die meisten Passagiere schlafen, wird der Zug tatsächlich auseinandergekoppelt. Der Seto-Teil rollt danach weiter Richtung Takamatsu auf Shikoku und ist schon gegen 07:27 Uhr am Ziel, nach etwa neuneinhalb Stunden Fahrzeit. Der Izumo-Teil dagegen zieht weiter Richtung Japanisches Meer und erreicht Izumo-shi erst gegen 09:58 Uhr, nach ungefähr zwölf Stunden auf der Schiene. Der Name Sunrise ist dabei kein Zufallsprodukt aus irgendeiner Marketingabteilung, sondern beschreibt ziemlich genau das Erlebnis: Du steigst spätabends im Moloch Tokyo in einen dunklen Bahnhof, schläfst irgendwo zwischen Honshu-Bergen und wachst auf, während die Sonne über der Seto-Inlandsee aufgeht. Das ist, ich geb's zu, auch für abgehärtete Tokyo-Pendler wie mich ein Moment, der hängen bleibt.

Nobinobi, Solo und die anderen Kabinenklassen an Bord
Was diesen Zug für Japan-Reisende so interessant macht, ist weniger die Geschwindigkeit als das Kabinenkonzept an Bord. Ganz unten in der Preisklasse liegen die sogenannten 伸び伸び (nobinobi, sich ausstrecken, entspannt/gemütlich ausgestreckt)-Plätze, ein Begriff, der so viel wie sich ausstrecken bedeutet und der das Konzept auch ziemlich treffend beschreibt. Diese Plätze sind offene, von Kapselhotels inspirierte Liegeflächen, angeordnet in einem zweistöckigen Raster und nur durch niedrige Trennwände voneinander getrennt, ganz ohne Tür und ganz ohne Schloss. Wer schon mal in einem Kapselhotel genächtigt hat, weiß ungefähr, worauf er sich einlässt, nur dass hier eben ein Zug drumherum rattert.
Wer es etwas privater mag, bucht eine der Kabinenklassen, von einfachen Single- und Twin-Kabinen bis hoch zur Deluxe-Kategorie. Die günstigste private Option nennt sich Solo, eine kleine Einzelkabine mit eigener Tür, ein bisschen Stauraum fürs Gepäck, einem kleinen Ablagebrett, einer Steckdose, einer Leselampe und einer gepolsterten Liegefläche, die tagsüber auch als Sitz funktioniert. Für alle, die sich nach der Fahrt frisch fühlen wollen, gibt's an Bord sogar Duschen, allerdings gegen Aufpreis und in begrenzter Zahl, weshalb du nicht ewig trödeln solltest, wenn du dran bist.

- Nobinobi: offene Liegefläche ohne Tür, günstigste Option, zweistöckig angeordnet
- Solo: private Einzelkabine mit Tür, Steckdose, Leselampe, kleinem Stauraum
- weitere Kategorien: Single- und Twin-Kabinen sowie Deluxe-Abteile mit mehr Komfort
- Duschen an Bord gegen Aufpreis, aber nur begrenzt verfügbar
Was die Fahrt kostet und wann du buchen solltest
Beim Preis solltest du realistisch bleiben: Eine Fahrt von Tokyo nach Izumo in der günstigsten privaten Kategorie, also der Solo-Kabine, kostet in der Standard-Saison umgerechnet etwa 22.000 Yen, genauer gesagt rund 22.110 Yen, zusammengesetzt aus Grundfahrpreis, Limited-Express-Zuschlag und Schlafwagengebühr. Das ist definitiv kein Schnäppchenpreis, aber für eine Nacht, die gleichzeitig Transport und Unterkunft ersetzt, relativiert sich das schnell wieder. Wichtig: Der Zug ist beliebt, vor allem in der Golden Week und in den Sommerferien, und die Kapazität ist überschaubar, weil eben nur ein Zugpaar pro Nacht verkehrt. Wer sich also spontan zwei Tage vorher einfallen lässt, dass er unbedingt Nobinobi fahren will, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht. Ich empfehle dir, so früh wie irgend möglich zu buchen, besonders wenn du in der Hauptreisezeit unterwegs bist.
Warum dieser Zug für Japan-Fans mehr ist als nur Transport
Warum lohnt sich das Ganze überhaupt, wo man doch mit dem Shinkansen in einem Bruchteil der Zeit am Ziel wäre? Weil der Zug eben kein Transportmittel im klassischen Sinn mehr ist, sondern fast schon ein Museumsstück, das zufällig noch fährt. Es ist der letzte reguläre Nachtzug Japans, der komplette Rest des einst riesigen Nachtzugnetzes wurde längst eingestellt, zugunsten von Shinkansen und Nachtbussen. Wenn du also wissen willst, wie Zugreisen in Japan vor der Shinkansen-Ära ungefähr funktioniert haben, ist das hier deine letzte Chance, das am eigenen Leib zu erleben, und nicht nur in einem Eisenbahnmuseum davon zu lesen.

Vokabeln für unterwegs: ein bisschen Japanisch lernen im Zug
Da wir hier bei jpnerd nicht nur übers Reisen, sondern auch übers Japanischlernen reden: Ein paar Begriffe rund um den Zug lohnen sich zu kennen. 寝台 (Shindai, Schlafwagen, Liegewagen) steht für Schlafwagen beziehungsweise Liegewagen, 改札 (kaisatsu, Ticketsperre, Bahnsteigsperre) bezeichnet die Ticketsperre am Bahnsteig, und nobinobi, wie oben erwähnt, heißt sinngemäß gemütlich ausgestreckt. Auch die Stationsnamen selbst, Izumo, Takamatsu, Okayama, sind gute Gelegenheiten, sich mit den Kanji vertraut zu machen, unter denen sie auf den Bahnhofsschildern stehen, auch wenn ich dir hier bewusst nur die Umschrift zeige. Wer mit offenen Augen und Ohren mitfährt, kann in zwölf Stunden Zugfahrt nebenbei ordentlich Vokabeln aufschnappen, von den Durchsagen bis zu den Snack-Angeboten am Bahnsteig in Okayama.
Wo und wie du den Sunrise Izumo/Seto erleben kannst
Erleben kannst du den Sunrise Izumo/Seto nur an einem Ort wirklich: an Bord, mit gebuchter Kabine oder Nobinobi-Platz. Los geht's am Tokyo Bahnhof, kurz vor 22 Uhr, Reservierung vorausgesetzt, die du über die üblichen JR-Kanäle machst, am Schalter, online oder über ein Reisebüro. Steig früh genug am Bahnsteig ein, wirf ruhig einen Blick durch die anderen Wagenklassen, auch wenn du selbst nur Nobinobi gebucht hast, ein kurzer Spaziergang durch den Zug lohnt sich, und dann heißt es: Licht aus, Rattern zuhören, und warten, bis irgendwo zwischen den Bergen die Sonne über der Seto-Inlandsee aufgeht. Wenn du danach wissen willst, wie sich der Rest deiner Japanreise mit dem Shinkansen vergleicht, schau doch mal in unseren anderen Guides dazu vorbei.
