Überblick
Ich sitze gerade mit einer Schale frisch aufgeschlagenem 抹茶 (Matcha, fein gemahlener grüner Tee) vor mir und muss ehrlich sagen: So einen Hype um ein Getränk habe ich in meinen Jahren als Japan-Reisender noch nicht erlebt. Matcha-Latte an jeder Straßenecke von Berlin bis Los Angeles, matcha-grüne Kekse, matcha-Eis, sogar matcha-Bier hab ich schon gesehen. Aber während der Rest der Welt den Boom feiert, schlagen Japans Teebauern und Teehändler gerade Alarm, und das aus gutem Grund.
Warum gerade jetzt alle über Matcha reden
Die globale Nachfrage nach Matcha ist in den letzten zehn Jahren regelrecht explodiert, angeheizt vor allem durch die großen Kaffeeketten im Westen, die Matcha Lattes ins Programm genommen haben, und durch matcha-aromatisierte Produkte, die inzwischen weltweit in den Regalen stehen. Klingt erstmal super für Japan, oder? Mehr Nachfrage, mehr Umsatz, mehr Aufmerksamkeit für eine jahrhundertealte Handwerkskunst. Aber genau hier liegt das Problem: Die Produktionsregionen kommen mit dem Tempo nicht mehr hinterher.
Besonders betroffen sind Uji in der Präfektur Kyoto und Nishio in der Präfektur Aichi, zwei der bekanntesten und traditionsreichsten Matcha-Anbaugebiete Japans überhaupt. Ich war selbst schon in beiden Regionen unterwegs, und was mir dort auffällt: Das ist kein Industriegebiet, das ist echte Handarbeit zwischen Hügeln und Teegärten. Genau diese kleinteilige, traditionelle Struktur gerät jetzt unter Druck, weil die Welt plötzlich viel mehr Matcha will, als sich in der gewohnten Geschwindigkeit produzieren lässt.
Die Notbremse: IMA und 38 Teehändler ziehen im Mai 2026 die Reißleine
Und dann, halte dich fest: Am 5. Mai 2026 haben die International Matcha Association, kurz IMA, gemeinsam mit 38 großen japanischen Teehandelsunternehmen eine gemeinsame Notfall-Erklärung veröffentlicht. Die Botschaft war klar: fairer Handel, eine Angleichung von Qualität und Preis, ein nachhaltiges Marktumfeld und geteilte Verantwortung entlang der gesamten Matcha-Lieferkette. Kein PR-Zuckerguss, sondern ein echter Weckruf an die eigene Branche.
Was mich daran besonders beschäftigt: Die Erklärung macht deutlich, dass kleinere, traditionelle Teebauern gerade von großen Abnehmern verdrängt werden, denen Volumen wichtiger ist als Qualität. Die Preise, die Bauern am Anfang der Lieferkette bekommen, spiegeln eben nicht immer wider, was Konsumenten am Ende in der Dose oder im Café bezahlen. Da klafft eine Lücke, und die geht ziemlich direkt zulasten der Menschen, die den Tee tatsächlich anbauen und verarbeiten.
Die IMA selbst ist übrigens noch ziemlich jung: Sie wurde erst am 22. April 2026 als weltweit erste internationale Branchenorganisation für Matcha gegründet, mit Sitz in Tokio und Ryo Iwamoto als Representative Director. Als sogenannter 一般社団法人 (ippan shadan hojin, allgemeine eingetragene Vereinigung (Rechtsform)), also eine allgemeine eingetragene Vereinigung nach japanischem Recht, will sie internationale Definitionen, Qualitätsstandards und ein Klassifizierungssystem für Matcha etablieren, Produzenten und Händler vernetzen und den Dialog mit ausländischen Märkten organisieren.
Vom Teestrauch zur Dose: Wie aus Blättern eigentlich Matcha wird
Aber jetzt mal ehrlich: Weißt du eigentlich, warum echter Matcha so viel teurer ist als das grüne Pulver aus dem Supermarktregal? Ich hab mir das in Uji erklären lassen, und es hat mich ziemlich beeindruckt. Echter Matcha entsteht aus 碾茶 (tencha, beschattete Teeblätter (Vorstufe von Matcha)), also beschatteten Teeblättern, denen vor dem Mahlen die Stängel entfernt werden, bevor sie in Steinmühlen zu feinstem Pulver vermahlen werden. Dieser Prozess ist hochspezialisiert und extrem arbeitsintensiv, und genau das treibt den Preis von echtem Matcha weit über den von billigem, massenproduziertem Grünteepulver.
Die Beschattung passiert unter speziellen Abdeckungen, die man 棚 (tana, Regal/Beschattungsgestell) nennt, und dauert mehrere Wochen. Das lässt sich nicht beschleunigen, egal wie groß die weltweite Nachfrage gerade ist, was die Arbeitskosten deutlich in die Höhe treibt. Genau dieser Widerspruch, jahrhundertealtes Handwerk trifft auf explosionsartig wachsenden Weltmarkt, ist im Kern das, worüber die IMA und die Teehändler gerade so laut Alarm schlagen.
Ryosuke Iwamoto und die Idee der Matcha Industry als globales Wertschöpfungssystem
Eine der spannendsten Figuren in dieser ganzen Geschichte ist für mich Ryosuke Iwamoto, CEO von TeaRoom. Er behandelt Matcha nicht einfach als Getränk, sondern als eine Industrie, die man organisieren, skalieren und strukturieren kann, mit Blick auf Lieferkette, Markenwert und internationales Marktpotenzial. Sein Blick auf die sogenannte Matcha Industry versteht das Produkt als vollständige Wertschöpfungskette, vom Anbau der Teepflanze über die Beschattung der Blätter bis zum Mahlen in der Steinmühle, die sich standardisieren, vermarkten und exportieren lässt.
Iwamoto und TeaRoom pflegen dabei enge Verbindungen zu Urasenke, einer der bedeutendsten Teezeremonie-Schulen Japans, und zu Nakagawa Masashichi Shoten, einem traditionsreichen japanischen Handelshaus. Wie genau sich diese unternehmerische Vision am Ende mit den Sorgen der traditionellen Bauern in Uji und Nishio vertragen wird, ist offen, das lässt sich aktuell einfach noch nicht abschließend sagen.
Wo du in Japan echten Matcha erleben kannst
So, und jetzt zum Teil, der mir am meisten Spaß macht: Wo kriegst du das alles hautnah mit? Uji bei Kyoto ist für mich immer noch der Ausgangspunkt schlechthin. Dort kannst du durch Teeplantagen laufen, kleine Familienbetriebe besuchen und in traditionellen Teehäusern erleben, wie Matcha per Hand mit dem Bambusbesen aufgeschlagen wird. Nishio in der Präfektur Aichi ist weniger touristisch, aber genauso authentisch, und wer wirklich in die Tiefe gehen will, kommt an einer Teezeremonie-Erfahrung bei einer Schule wie Urasenke kaum vorbei.
- Uji (Kyoto): Teeplantagen-Spaziergänge, traditionelle Teehäuser, Matcha-Verkostungen direkt bei den Erzeugern
- Nishio (Aichi): weniger überlaufen, starke tencha-Tradition, gute Adresse für Betriebsbesichtigungen
- Kyoto allgemein: Teezeremonie-Erfahrungen bei etablierten Schulen wie Urasenke
- Fachgeschäfte und Teehändler in Tokio: guter Ort, um Qualitätsunterschiede direkt zu verkosten
Ich hab bei meinem letzten Uji-Trip übrigens ziemlich daneben gegriffen und dachte, ich könnte den Matcha einfach wie Kaffee runterschütten, das hat mir die Teemeisterin dort ziemlich schnell ausgeredet. 先輩 (Senpai, älterer/erfahrener Kollege, Senior) hat sich verlaufen, könnte man sagen, aber genau solche kleinen Pannen machen diese Reisen für mich erst richtig wertvoll.
Matcha-Vokabular für unterwegs
Wenn du dich schon mal sprachlich vorbereiten willst: matcha selbst kennst du natürlich, aber tencha, die beschatteten Ausgangsblätter, und tana, die Beschattungsabdeckung, sind Begriffe, die dir in jedem Teeladen oder bei jeder Teezeremonie begegnen. Wer sich für die Organisationsstruktur hinter dem Boom interessiert, stößt außerdem auf den Begriff ippan shadan hojin, die japanische Rechtsform, unter der auch die IMA eingetragen ist. Genau dieses Vokabular ist ein netter Einstieg, wenn du nebenbei dein Japanisch aufpolieren willst, bevor du selbst nach Uji oder Nishio fährst.
Warum das gerade jetzt wichtig ist
Die Matcha Industry steht an einem Punkt, an dem sich entscheidet, ob der globale Boom den traditionellen Anbauregionen am Ende nützt oder schadet. Für dich als Reisender heißt das vor allem eins: Wenn du die Chance hast, nach Uji oder Nishio zu fahren und dort Matcha direkt bei den Erzeugern zu probieren, dann mach das jetzt. Das MUSST du einmal gemacht haben, bevor sich der Markt weiter verändert.
