Was ist der Yufuin no Mori überhaupt?
Ich geb's zu: Bevor ich das erste Mal in Hakata in dieses dunkelgrüne Ungetüm gestiegen bin, dachte ich, "Aussichtszug" wäre nur eine nette Umschreibung für "Regionalzug mit größeren Fenstern". Falsch gedacht. Der Yufuin no 森 (Mori, Wald) ist ein Limited-Express-Zug von JR Kyushu, der seit 1989 zwischen dem Bahnhof Hakata in Fukuoka und der 温泉 (onsen, heiße Quelle, Thermalbad)-Stadt Yufuin in der Präfektur Oita verkehrt, manche Verbindungen fahren sogar weiter Richtung Beppu oder sind dorthin angebunden. Entworfen hat ihn Eiji Mitooka, der Mann, der auch dem Luxuszug Aru Ressha und dem 787er "Tsubame" ihr Gesicht gegeben hat, und man merkt seiner Handschrift an, dass hier jemand am Werk war, der Züge nicht nur als Transportmittel, sondern als Erlebnis versteht.
Vom ersten Wurf bis zur dritten Generation
Was ich an der Geschichte des Zugs ganz nett finde, klingt erstmal nach Bahn-Nerd-Kleinkram, ist aber eigentlich ziemlich verworren: Die aktuelle Flotte besteht aus zwei Fahrzeugtypen, dem Typ I (Baureihe Kiha 71) und dem Typ III (Baureihe Kiha 72), beide im markanten Dunkelgrün lackiert und mit großen Panoramafenstern ausgestattet. Der Kiha-72-Satz, der unter dem Namen "Yufuin no Mori III" fährt und seit 1999 im Einsatz ist, ist tatsächlich schon die dritte Generation. Die echte zweite Generation, die Baureihe Kiha 183 als "Yufuin no Mori II", war nur von 1992 bis 1999 unterwegs und wurde danach zum "Aso Boy!"-Zug umgebaut, gehört also längst nicht mehr zur aktuellen Flotte. Wenn dir also mal jemand erzählt, es gäbe nur eine Version des Zugs, darfst du höflich, aber bestimmt widersprechen.

Die Strecke: rund 119 Kilometer durchs Kyushu-Hinterland
Die Fahrt von Hakata nach Yufuin dauert ungefähr zwei Stunden, genauer gesagt etwa zwei Stunden und fünfzehn Minuten, und deckt dabei rund 119 Kilometer ab (manche Quellen runden das großzügig auf 140 Kilometer hoch, ich halte mich lieber an die nüchternere Zahl). Unterwegs hält der Zug unter anderem in Kurume und Hita, Orte, die auf keiner Bucket-List stehen, aber genau deshalb interessant sind, weil du hier das Kyushu siehst, das nicht für Instagram inszeniert wurde. Die Strecke führt durch Bergland, vorbei an Flusstälern, und wechselt ständig zwischen dichtem Grün und kleinen Ortschaften, sodass zwei Stunden Zugfahrt sich eher wie eine kurze Doku über ländliches Japan anfühlen als wie reines Durchkommen.
Innenraum und Bordservice: Holz, Messing und ein Wagyu-Bento
Innen ist der Zug so gestaltet, dass du eher denkst, du sitzt in einer Zuglounge als in einem Nahverkehrsmittel: holzvertäfelte Wände, breite und gepolsterte Sitze, Messingdetails, dazu ein Salon- beziehungsweise Loungewagen, der ganz offensichtlich fürs Gucken und nicht fürs schnelle Pendeln gebaut wurde. Auf manchen Verbindungen gibt's an Bord sogar ein Oita-和牛弁当 (Wagyu-Bento, Lunchbox mit japanischem Rindfleisch), was ich, ehrlich gesagt, für einen der unterschätztesten Gründe halte, diesen Zug überhaupt zu nehmen. Ich hab meins mit einer Dose Kyushu-Kaffee kombiniert und irgendwie zwei Stunden lang ernsthaft überlegt, ob ich nicht einfach in Hita aussteigen und dort ein neues Leben anfangen sollte (bin ich nicht, aber der Gedanke war da).

Der Sitzplatz-Trick, den dir kein Schaffner erzählt
Ein Tipp, den ich mir selbst erst nach der ersten Fahrt angeeignet habe, weil's mir vorher keiner gesagt hat: Wenn du von Hakata nach Yufuin fährst, buch dir einen Platz auf der rechten Seite des Zugs, also Sitze C oder D, dann hast du die besseren Blicke auf die Berge und auf die Jion-Wasserfälle. Auf dem Rückweg von Yufuin nach Hakata drehst du das Ganze um und nimmst die linke Seite. Klingt nach Erbsenzählerei, macht aber tatsächlich den Unterschied zwischen "ganz nett" und "okay, jetzt verstehe ich, warum selbst wir Ausländer, die schon halb alles gesehen haben wollen, wegen eines Zugfensters ins Schwärmen geraten".
Yufuin: Onsen-Idylle im Vulkankessel
Am Ziel angekommen, liegt Yufuin auf etwa 500 Metern Höhe in einem Bergkessel, umgeben von vulkanischen Gipfeln, allen voran dem doppelgipfligen Yufu-dake, der die Stadt fast wie eine Bühnenkulisse rahmt. Die Hauptstraße Yunotsubo 街道 (kaido, (Haupt-)Straße) ist gesäumt von Galerien, kleinen Cafés und traditionellen 旅館 (Ryokan, traditionelles japanisches Gasthaus), und Yufuin landet regelmäßig unter den beliebtesten Onsen-Orten Japans, was für ein Land mit gefühlt zehntausend Onsen-Städten schon eine Ansage ist. Die Quellen hier gelten als besonders hautfreundlich, und viele Ryokan bieten private 露天風呂 (rotenburo, offenes Außenbad) an, also offene Außenbäder im eigenen Garten, in denen du nach der Zugfahrt erstmal alles wieder auftaust, was in der Klimaanlage eingefroren ist.

Kleiner Sprachexkurs: Was "Mori" eigentlich bedeutet
Weil wir hier ja nicht nur übers Reisen, sondern auch übers Japanischlernen reden: "Mori" heißt schlicht "Wald", und wenn du dir das holzvertäfelte Interieur des Zugs vor Augen hältst, ergibt der Name auf einmal richtig Sinn, der Zug soll sich anfühlen wie eine Fahrt durch den Wald, nicht nur eine Fahrt zu ihm. Auf Kanji schreibt sich das Wort mit einem einzelnen, recht simplen Zeichen, das zu den ersten gehört, die man beim Japanischlernen aufschnappt, weil es in Ortsnamen quer durchs Land auftaucht. Ergänzend lohnt sich Vokabular wie "onsen" für heiße Quelle, "rotenburo" für Außenbad und "kaido" für größere Straße, alles Begriffe, die dir nicht nur in Yufuin, sondern in ganz Japan ständig über den Weg laufen.
Wo und wie du den Yufuin no Mori erleben kannst
Der Zug fährt regulär zwischen Hakata und Yufuin (mit Anschluss beziehungsweise Weiterfahrt Richtung Beppu), du buchst ihn wie jeden Limited-Express-Zug von JR Kyushu mit reserviertem Sitzplatz, und mit einem passenden JR-Pass für Kyushu bist du meistens ohnehin schon abgedeckt. Ein paar praktische Punkte, die ich mir vorher gewünscht hätte:
- Sitzplatzreservierung vorher machen, der Zug ist bei Touristen und Japanern gleichermaßen beliebt und schnell ausgebucht.
- Rechte Seite (C/D) Richtung Yufuin wählen, linke Seite auf dem Rückweg, für die besten Ausblicke auf Berge und Wasserfälle.
- Falls angeboten, das Oita-Wagyu-Bento vorbestellen oder rechtzeitig am Bahnhof kaufen.
- Genug Zeit für Yufuin selbst einplanen, die Stadt lohnt sich für mindestens eine Übernachtung mit Rotenburo-Erlebnis.
- Zwischenstopps wie Kurume oder Hita im Hinterkopf behalten, falls du abseits der Touristenroute unterwegs sein willst.
Ob du am Ende in Yufuin bleibst, weiterfährst Richtung Beppu oder einfach nur die Zugfahrt selbst als Ausflug betrachtest, der Yufuin no Mori ist einer dieser seltenen Fälle, wo die Anreise tatsächlich schon Programm ist. Wenn du danach noch wissen willst, wie sich Onsen-Kultur und Alltag abseits vom Moloch Tokyo sonst so anfühlen, schau dich auf jpnerd einfach mal weiter um.
