Ich habe mir tatsächlich eingebildet, dass mir in dieser Gondel jemand ins Ohr flüstert, was da unten im Tal gerade brodelt. Kam nicht. Stattdessen kam Klaviermusik, aus acht Lautsprechern und zwei Subwoofern, so präzise im Raum platziert, dass du bei geschlossenen Augen schwören würdest, der Pianist sitzt neben dir auf der Bank. Willkommen bei Otobaco, der Gondel, die Odakyu Hakone mit Dolby Atmos ausgestattet hat und die seither für einiges Aufsehen sorgt.
Überblick
Otobaco ist eine spezielle Kabine im Netz der Hakone Ropeway, betrieben von Odakyu Hakone, einer Tochter der Odakyu Electric Railway. Statt des üblichen Gondel-Schweigens oder des Rauschens der Lüftungsanlage bekommst du hier ein raumklangbasiertes Audioerlebnis, aufgebaut auf Dolby Atmos, jener Objekt-Audio-Technologie, die Dolby Laboratories 2012 vorgestellt hat und die du sonst eher aus dem Kino oder vom Heimkino-Setup deines Kumpels kennst, der eindeutig zu viel Geld für Lautsprecher übrig hat. Ein Reisemedium (Travel and Tour World) bezeichnete Otobaco als weltweit erste Gondel mit Dolby Atmos, eine Einordnung, die ich mangels Vergleichsmöglichkeit einfach mal so stehen lasse.
Hakone-Gondel mit Dolby Atmos: Was in der Kabine wirklich läuft
Und jetzt zur Sache, die mich persönlich überrascht hat: Es gibt keine Erzählstimme. Keine Ansage, kein Vogelgezwitscher, kein künstliches Wasserfall-Rauschen, das dir Landschaft nur vorgaukeln soll. Was tatsächlich läuft, sind zwei Originalkompositionen des Komponisten KOSEN, wetterabhängig ausgewählt. Bei klarem Himmel hörst du das Klavierkonzert „Soundscape in Owakudani“, bei Regen oder dichter Bewölkung läuft stattdessen die elektronische Komposition „Searchlight in Owakudani“. Beide Stücke wurden eigens komponiert, um die Landschaft rund um Owakudani musikalisch einzufangen, nicht um sie dir zu erklären. Wer also auf eine akustische Reiseführung gehofft hat, so wie ich, siehe oben, wird schlicht musikalisch entschädigt.
Die Strecke: nur zwischen Sounzan und Owakudani
Wichtig, weil das online öfter durcheinandergeht: Otobaco fährt nicht die komplette Hakone-Ropeway-Strecke bis zum Ashinoko-Ufer. Die Kabine bedient ausschließlich den Abschnitt zwischen der Station Sounzan und der Station Owakudani, gut anderthalb Kilometer, rund zehn Minuten in eine Richtung. Es handelt sich um eine einzelne, dedizierte Gondel mit Platz für bis zu 16 Personen pro Gruppe, keine Auswahl bestimmter Kurse aus der regulären Flotte, wie man das aus mancher Meldung herauslesen könnte. Wenn du danach weiter zum Ashinoko willst, und das solltest du, das gehört zur klassischen Hakone-Runde einfach dazu, steigst du in eine der regulären Kabinen um und fährst ganz normal, ganz ohne Konzertsaal-Feeling, weiter.
Praktisches: Lautstärke, Gruppengröße und Wetterabhängigkeit
- Bis zu 16 Personen teilen sich eine Otobaco-Kabine, du fährst also nicht allein mit dem Pianisten in deinem Kopf.
- Welches der beiden Musikstücke läuft, entscheidet das Wetter am Fahrtag, nicht du.
- Manche Berichte erwähnen, dass sich die Lautstärke regeln oder der Sound komplett abschalten lässt, falls dir nach Stille zumute ist. Offiziell ist das nicht überall gleich klar bestätigt, nimm es also eher als Gerücht denn als Garantie.
- Die Fahrt selbst dauert rund zehn Minuten über Terrain, unter dem buchstäblich etwas brodelt, Owakudani ist schließlich ein aktives vulkanisches Tal.
Anreise aus Tokyo: mit dem Romancecar raus aus dem Moloch
Nach ein paar Wochen im Tokyo-Moloch tut so eine Fahrt aus der Stadt richtig gut, und der Klassiker dafür ist Odakyus eigener Romancecar, der Limited-Express-Zug, der dich in etwa 85 Minuten direkt von Shinjuku nach Hakone-Yumoto bringt. Von dort geht es mit lokalen Anschlussverbindungen weiter Richtung Sounzan, wo Otobaco auf dich wartet. Eigentlich ist die ganze Kombination aus Zug, Kabelbahn und jetzt eben Konzertgondel typisch für Hakone: Odakyu hat hier über Jahrzehnte ein Transportnetz aufgebaut, das dich fast nahtlos von der Bahnhofshalle bis auf über tausend Meter Höhe bringt, ohne dass du auch nur einmal ernsthaft nach dem Weg fragen musst.
Warum ausgerechnet Dolby Atmos in einer Gondel Sinn ergibt
Objekt-basiertes Audio bedeutet vereinfacht: Klang wird nicht mehr nur auf feste Kanäle wie links oder rechts verteilt, sondern als eigenständiges Objekt im Raum positioniert, das sich bewegen kann. In einem Kino ist das beeindruckend, in einer schwankenden Gondel über einem Vulkantal ist es fast schon unfair gegenüber jedem Kopfhörer, den du sonst benutzt. Acht Lautsprecher plus zwei Subwoofer in einer Kabine dieser Größe zu verbauen, ist technisch kein Kleinkram, und genau deshalb ist die Einordnung als weltweit erste Dolby-Atmos-Gondel, so unbestätigt sie im Detail bleiben mag, zumindest plausibel.
Ein paar Wörter, die du dir merken kannst
Otobaco kombiniert vermutlich 音 (oto, Klang, Ton), das japanische Wort für Klang oder Ton, mit einer verspielten Form von Box, für die kleine Kabine, in der die Musik läuft, eine naheliegende Namensidee, auch wenn ich dafür keine offizielle Bestätigung gefunden habe. Owakudani bedeutet wörtlich etwa großes kochendes Tal und beschreibt exakt das vulkanisch aktive Areal, über das die Gondel schwebt. Ashinoko, der Ashi-See, gehört zur klassischen Hakone-Route dazu, auch wenn Otobaco selbst nicht bis dorthin fährt. Sounzan, die Ausgangsstation der Kabine, ist dir spätestens dann ein Begriff, wenn du zum ersten Mal in die Hakone Ropeway einsteigst. Wenn du dein Japanisch beim Reisen aufbessern willst, ist Hakone mit seiner Mischung aus Bahn-, Berg- und Vulkanvokabular ein ziemlich dankbares Übungsfeld.
Wo du das Ganze in Japan erleben kannst
Otobaco ist Teil der Hakone Ropeway, die wiederum Teil des größeren Hakone-Rundkurses ist, den Odakyu mit seinem Freipass-System, dem Hakone Free Pass, ziemlich bequem macht. Der Zustieg zur Otobaco-Kabine erfolgt an der Station Sounzan, erreichbar über die Hakone-Tozan-Bahn und die Hakone-Tozan-Kabelbahn ab Hakone-Yumoto oder Gora. Kombinieren lässt sich der Trip mit den üblichen Verdächtigen der Region: dem Hakone Open-Air Museum mit seinen Skulpturen im Freien, dem Ashinoko mit seinen Ausflugsbooten und, bei klarer Sicht, einem Blick auf den Fuji, der sich allerdings genauso gern hinter Wolken versteckt wie ich mich vor Smalltalk mit anderen Touristen. Ob du am Ende lieber die Musik hörst oder den Ton doch runterdrehst und einfach nur ins brodelnde Tal schaust, findest du am besten selbst heraus, wenn du oben in der Kabine sitzt.






