Kurzer Rückblick: Warum gibt es überhaupt einen Sichtschutz?
Ich erinnere mich noch genau, als die ersten Bilder des schwarzen Netzes viral gingen. Frühjahr 2024. Ein Lawson-Konbini in 富士河口湖町 (Fujikawaguchiko, Gemeinde Fujikawaguchiko), Präfektur 山梨 (Yamanashi, Präfektur Yamanashi), mit dem wohl bekanntesten Berg der Welt im Hintergrund. Der Winkel war perfekt, das Licht sowieso, und plötzlich pilgerten Hunderte von Touristen täglich genau an diesen einen Punkt. Auf die Straße. Auf Privatgrundstücke. Mitten in den Verkehr.
Die Gemeinde reagierte, wie Gemeinden in Japan oft reagieren: ruhig, aber bestimmt. Sie stellten einen Sichtschutz auf. Ein großes schwarzes Netz, das den Blick auf den 富士山 (Fuji-san, Berg Fuji) vom Lawson-Parkplatz aus verdeckt. Kein Foto mehr, kein Hotspot mehr, Problem gelöst. So die Theorie.
Praktisch war das natürlich der Startschuss für eine absurde Eskalationsspirale, die bis heute nicht aufgehört hat.
Zehn Löcher und kein Ende in Sicht
Jetzt meldet die Gemeinde Fujikawaguchiko rund zehn neue Löcher in der Barriere. Zehn. Jemand oder mehrere Jemands haben sich die Mühe gemacht, den Sichtschutz physisch zu beschädigen, um den perfekten Fuji-Schnappschuss zu bekommen. Das ist kein Versehen. Das ist kein Sturm. Das ist Absicht.
Hand aufs Herz: Ich verstehe den Reiz des Fotos. Wirklich. Der Fuji-san hinter einem japanischen Konbini-Schild, das leuchtende Blau und Orange von Lawson, der Schnee auf dem Gipfel. Das ist ein Bild, das funktioniert. Aber es ist halt auch ein Bild, für das Anwohner seit Monaten Lärm, Müll und Chaos ertragen. Und jetzt wird auch noch ihr Sichtschutz mutwillig zerstört.
Verrückt, oder? Und gleichzeitig so vorhersehbar, dass es wehtut.
Wer macht sowas überhaupt?
Die ehrliche Antwort ist: wahrscheinlich keine böswilligen Menschen. Eher Leute, die den kulturellen Kontext nicht kennen, nicht einordnen können oder schlicht nicht interessiert sind. Das japanische Konzept von 迷惑 (meiwaku, Belästigung für andere), also das Verursachen von Unannehmlichkeiten für andere, ist tief in der Alltagskultur verankert. Wer in Japan aufgewachsen ist oder sich länger dort aufgehalten hat, weiß, dass öffentliches Stören als ernste soziale Verfehlung gilt. Für viele Touristen existiert dieses Konzept aber schlicht nicht im Bewusstsein.
Das liegt daran, dass Reisen oft im Blase-Modus stattfindet. Du siehst ein Bild auf Instagram, du willst es nachstellen, du fährst hin. Der Rest ist Kontext, den du dir nicht geholt hast.
Overtourism in Japan: Vom viralen Spot zum Dauerproblem
Der Lawson-Hotspot ist kein Einzelfall, auch wenn er gerade der bekannteste ist. 祇園 (Gion, Gion-Viertel) in Kyoto, der Bambuswald in 嵐山 (Arashiyama, Arashiyama-Viertel), der Shibuya Scramble zu Stoßzeiten. Überall in Japan kämpfen Gemeinden damit, dass soziale Medien aus normalen Orten plötzlich Massenanziehungspunkte machen, für die keine Infrastruktur existiert.
Fujikawaguchiko ist dabei besonders tragisch, weil es eigentlich ein ruhiger Ort ist. Eine kleine Gemeinde am Kawaguchi-ko, einem der fünf Fuji-Seen. Wunderschön gelegen, aber kein Tokyo, kein Osaka, keine Stadt, die auf Massentourismus ausgelegt ist. Und jetzt baut sie Sichtschutzwände und muss diese gegen Vandalismus verteidigen.
Mein Tipp: Wenn du den Fuji-san fotografieren willst, und ich verstehe das vollkommen, dann geh zu einem der offiziellen Aussichtspunkte. Vom Chureito-Pagoda-Weg in Fujiyoshida bekommst du Bilder, die jeden Lawson-Parkplatz in die Tasche stecken. Kein Sichtschutz, keine Menschenmassen auf der Straße, dafür echter Aufwand und echte Belohnung.
Was die Gemeinde jetzt tun kann und was sie nicht kann
Fujikawaguchiko hat angekündigt, die Löcher zu reparieren. Natürlich. Aber das ist ein Rennen, das schwer zu gewinnen ist. Die Gemeinde hat weder die Ressourcen noch die rechtliche Handhabe, rund um die Uhr Wache zu halten. Und solange das Foto viral bleibt, bleibt auch der Anreiz.
Was viele übersehen: Japan hat auf nationaler Ebene begonnen, Overtourism ernster zu nehmen. Miyajima hat eine Tourismussteuer eingeführt. Kyoto hat Busse für Touristen teurer gemacht. Fujikawaguchiko ist noch nicht so weit, aber der Druck steigt. Irgendwann wird aus einem schwarzen Netz vielleicht eine Sperrzone, eine Gebühr oder ein Fotografierverbot mit echten Konsequenzen.
Ob das besser wäre? Ich weiß es nicht. Meiner Erfahrung nach lösen Verbote das zugrunde liegende Problem nicht, sie verlagern es nur.
Was wir als Japan-Fans damit anfangen sollten
Ich bin Gaijin. Du bist wahrscheinlich auch Gaijin, zumindest wenn es um Japan geht. Und das bedeutet, dass wir eine Verantwortung mitbringen, wenn wir dorthin reisen. Nicht weil Japan uns das sagt. Sondern weil es schlicht respektvoller Umgang mit einem Land ist, das uns als Gast aufnimmt.
Stell dir vor, du lernst gerade Japanisch. Du kennst Vokabeln wie meiwaku oder o-jama shimasu, also so etwas wie „Ich störe euch" als höfliche Einleitungsformel. Dann hast du eigentlich schon verstanden, wie Japan Rücksichtnahme denkt. Diese Sprache ist durchzogen von Konzepten, die genau das ausdrücken, was am Lawson-Hotspot gerade so brutal fehlt: das Bewusstsein, dass deine Handlungen andere betreffen.
Das Beste daran, Japanisch zu lernen, ist nicht die Sprache selbst. Es ist das Verständnis, das mit ihr kommt. Wer tiefer in die Kultur einsteigt, reist automatisch anders. Meiner Erfahrung nach zumindest.
Das bringt uns zu einem unbequemen Schluss: Der Fuji-Sichtschutz mit seinen Löchern ist kein japanisches Problem. Es ist ein Problem, das wir mitgebracht haben.
Häufige Fragen
Warum wurde der Sichtschutz am Fuji-Aussichtspunkt aufgestellt?
Die Gemeinde Fujikawaguchiko errichtete den schwarzen Sichtschutz, weil Massen von Touristen einen bestimmten Parkplatz vor einem Convenience-Store als Fotospot nutzten und dabei Straßen blockierten, Lärm verursachten und Anwohner belästigten.
Wie viele Löcher wurden in dem Sichtschutz gefunden?
Die Gemeinde meldete zuletzt rund zehn Löcher in der Barriere, die offenbar mutwillig beschädigt wurde, um den Blick auf den Berg für Fotos freizugeben.
Gibt es legale Alternativen, um den Fuji zu fotografieren?
Ja. Es gibt mehrere offizielle Aussichtspunkte in der Region, zum Beispiel in Fujiyoshida, die ohne Einschränkungen zugänglich sind und teils noch beeindruckendere Perspektiven bieten als der umstrittene Parkplatz.



