Training im Sumo-Stall: Was passiert wirklich hinter den Kulissen?

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Ikebana Flower Arrangement Japanese Tea Ceremony
KuboBella / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Ankunft im Heya: Erste Eindrücke eines professionellen Sumo-Stalls

Es ist frühes Morgengrauen in Tokyo. Irgendwo zwischen 5 und 6 Uhr beginnt der Tag im Sumo-Stall, lange bevor die Stadt aufwacht. Kein Frühstück, kein Aufwärmen auf dem Sofa. Direkt rein ins Training.

Wusstest du, dass Sumo-Ringer, sogenannte Rikishi (力士), traditionell zwei Mahlzeiten pro Tag essen statt drei? Das klingt zunächst widersprüchlich für Männer, die teils über 150 Kilogramm auf die Waage bringen. Doch dahinter steckt ein System: Langes Fasten vor dem Training, dann ein massives Mittagessen nach dem Morgentraining und danach Schlaf. Der Körper speichert so mehr Energie als Fettreserve. Klingt komisch, ist aber so.

Der Stall selbst, ein traditionelles Gebäude irgendwo in den Stadtvierteln Ryogoku oder Sumida in Tokyo, wirkt von außen unscheinbar. Innen befindet sich ein Sandring, der Dohyo (土俵), glattgeschliffen und heilig. Kein Ringer betritt ihn ohne die richtige Haltung. Das ist keine Übertreibung, das ist gelebter Alltag.

Das Training: Härte, Wiederholung, Rangordnung

Schauen wir uns das Training selbst genauer an. Es beginnt mit dem Shiko (四股), dem rituellen Beineheben. Beide Beine werden abwechselnd so hoch wie möglich gehoben und dann mit voller Kraft in den Boden gestampft. Hundert Mal. Zweihundert Mal. Für Anfänger ist das nach zwanzig Wiederholungen bereits schmerzhaft.

Als ich zum ersten Mal in Japan war und Sumo-Training aus der Nähe beobachtete, dachte ich: Das ist Meditation in Bewegung. Dieselbe Bewegung, immer wieder, ohne Ablenkung. Was sich nach außen wie stupide Wiederholung anfühlt, ist innen reine Konzentration.

Butsukari-Geiko: Der härteste Teil des Trainings

Das Butsukari-Geiko (ぶつかり稽古) ist nichts für schwache Nerven. Ein rangniedrigerer Ringer wirft sich mit vollem Körpereinsatz gegen einen erfahrenen Senpai (先輩), der ihn immer wieder zurückschleudert, abwehrt und zu Boden drückt. Es gibt keine Pause und kein Zögern. Der Senpai bestimmt das Tempo, und das ist brutal.

Verglichen mit Deutschland, wo Sport meist von Anfeuern und Ermutigung begleitet wird, herrscht hier eisiges Schweigen. Fehler werden nicht kommentiert, sie werden korrigiert durch erneutes Tun. Meiner Erfahrung nach ist genau das der kulturelle Kern: Lernen durch Wiederholung und Körper, nicht durch Erklärung.

Hierarchie als Lebensrealität

Im Heya gibt es keine Gleichheit. Maezuke (前相撲), die untersten Ringer ohne Rang, wachen als erste auf, putzen den Dohyo, kochen das Essen und schlafen als letzte. Die Yokozuna (横綱), die höchste Rangstufe im Sumo, von denen es weltweit meist nur zwei bis vier aktive gibt, müssen sich um nichts kümmern außer Training und Wettkampf.

Das klingt hart. Ist es auch. Aber bleiben wir noch bei diesem Punkt: Diese Struktur ist kein Relikt, sie ist ein bewusst gepflegtes Erbe. Jüngere Ringer lernen nicht nur Technik, sie lernen Geduld, Respekt und Durchhaltevermögen durch die Rangordnung selbst. Das Wort Keiko (稽古) bedeutet auf Japanisch übrigens nicht einfach nur Training, es bedeutet wörtlich etwa so viel wie über die Vergangenheit nachdenken. Siehst du, was ich meine?

Chankonabe: Die Mahlzeit, die Rikishi groß macht

Das bringt uns zum Essen. Nach dem Morgentraining kommt das Chankonabe (ちゃんこ鍋), ein riesiger Eintopf mit Fleisch, Tofu, Gemüse und Brühe. Dazu werden bergeweise Reis und Bier getrunken, manchmal auch beides zusammen. Eine einzige Mahlzeit kann 5.000 bis 10.000 Kalorien enthalten.

Insider-Tipp: Chankonabe-Restaurants rund um Ryogoku in Tokyo werden oft von ehemaligen Rikishi betrieben. Das Essen dort ist günstig, reichhaltig und absolut authentisch. Wer Tokyo besucht, sollte das nicht verpassen.

Kurzer Schwenk: Interessant ist, dass Chankonabe nicht einfach eine Mahlzeit ist. Welche Zutaten verwendet werden, was gekocht wird und wer als erstes essen darf, folgt alles der Hierarchie des Stalls. Selbst der Tisch ist rituell. Nicht schlecht, oder?

Was dieses Erlebnis über Japan lehrt

Ganz ehrlich: Ein Tag im Sumo-Stall ist einer der eindrücklichsten Kulturschocks, die Japan bereithält. Nicht wegen der Körpergröße der Ringer oder der Wucht beim Training, sondern wegen der stillen Selbstverständlichkeit, mit der diese Männer eine jahrhundertealte Lebensweise fortführen.

Da fällt mir noch etwas ein: Für Japanisch-Lerner ist Sumo übrigens ein fantastischer Einstieg in klassische japanische Vokabeln. Begriffe wie Dohyo, Keiko, Yokozuna oder Heya tauchen in Schulbüchern, Mangas und Nachrichtenbeiträgen auf. Wer diese Wörter kennt, versteht auch kulturelle Anspielungen, die Einheimische ganz selbstverständlich nutzen.

Mein Tipp: Schau dir Sumo-Turniere, die sogenannten Honbasho (本場所), live im NHK-Stream oder vor Ort an. Es gibt sechs pro Jahr, jeweils 15 Tage lang, verteilt auf Tokyo, Osaka, Nagoya und Fukuoka. Das Januar-Turnier in der Ryogoku Kokugikan in Tokyo ist besonders gut für Erstbesucher geeignet, da viele Angebote auch auf Englisch verfügbar sind. Aber das ist noch nicht alles.

Was dieses Training wirklich zeigt, ist ein Japan, das sich nicht für externe Blicke verbiegt. Keine Show, keine Erklärung für Zuschauer. Einfach: So machen wir das. Schon immer. Und das, finde ich, ist respektvoller als jedes Touristenspektakel.

Häufige Fragen

Kann man als Tourist einem Sumo-Training zuschauen?

Ja, einige Heya erlauben Besuchern, dem Morgentraining zuzuschauen. Das muss in der Regel im Voraus schriftlich oder über eine offizielle Kontaktadresse angefragt werden. Spontane Besuche sind selten möglich. Die Japan Sumo Association veröffentlicht gelegentlich offizielle Besuchsprogramme.

Was bedeutet Keiko auf Japanisch genau?

Keiko (稽古) bezeichnet das Training im Sumo und in anderen traditionellen japanischen Künsten wie Kendo oder Judo. Wörtlich bedeutet es ungefähr so viel wie über die Alten nachdenken, also Lernen durch Tradition und Wiederholung. Es ist ein wichtiges Wort im kulturellen Kontext.

Wie lange dauert es, Yokozuna zu werden?

Im Durchschnitt dauert es viele Jahre intensiven Trainings. Die meisten aktiven Rikishi erreichen diesen Rang nie. Seit 1958 bis heute gab es insgesamt nur 73 Yokozuna in der gesamten Geschichte des professionellen Sumo. Aktuell trägt etwa Terunofuji diesen Titel, wenngleich er verletzungsbedingt kaum noch kämpft.

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Quellen

  1. YouTube: Training in a Real Sumo Stable (Originalvideo)

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