May Blues (Go-gatsu Byo): Der Kater nach Golden Week in Japan

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Überblick

Es ist Mitte Mai, ich sitze in der Yamanote-Linie, und neben mir hängt ein Grundschulkind so schlapp im Sitz, als hätte es gerade einen Marathon hinter sich und keinen einzigen Bonbon dafür bekommen. Die Mutter neben ihm seufzt auf eine Art, die ich mittlerweile ziemlich gut kenne, denn genau dieses Bild wiederholt sich jedes Jahr um diese Zeit im ganzen Land. Der Fachbegriff dafür ist ( (go, fünf)- (gatsu, Monat) (byo, Krankheit), Mai-Krankheit (Stimmungstief nach den Ferien)), wörtlich übersetzt Mai-Krankheit, im Deutschen meist als May Blues bezeichnet, und gemeint ist damit kein exotisches Wehwehchen, sondern ein ziemlich handfestes Stimmungstief, das kurz nach Golden Week über Millionen Japaner hereinbricht, Kinder eingeschlossen.

Was der Begriff go-gatsu byo eigentlich bedeutet

Golden Week ist eine der wichtigsten Ferienperioden Japans, mehrere nationale Feiertage liegen Ende April und Anfang Mai so dicht beieinander, dass viele Schulen und Firmen, je nach Kalender, gleich mehrere Tage am Stück freigeben. Klingt erstmal nach Urlaub pur, und genau da beginnt das Problem. Wenn du go-gatsu byo japanisch lernen willst, ist das ein guter Einstieg: go steht für die Zahl fünf beziehungsweise den Monat Mai, gatsu bedeutet schlicht Monat, und byo heisst Krankheit. Zusammen ergibt das wörtlich sowas wie die Krankheit des fünften Monats, auch wenn medizinisch gesehen niemand tatsächlich krank ist. Es ist eher ein kollektiver Kater von der Rhythmuswechsel-Sorte, den man sich hier selbst schon vor Jahrzehnten so benannt hat, weil das Phänomen eben zuverlässig genug auftritt, um einen eigenen Namen zu verdienen.

Wenn Kinder es nicht sagen, aber der Körper spricht

Bei Erwachsenen ist go-gatsu byo längst anerkannt, neue Angestellte, frisch versetzte Kollegen, gestresste Büromenschen, das kennt hier jeder. Weniger bekannt, und genau deshalb spannend, ist der Teil, um den sich unter anderem die japanische Tageszeitung Mainichi in einem Bericht gekümmert hat: Auch Kinder trifft es, und zwar öfter, als Eltern und Lehrer merken. Der Grund ist simpel und irgendwie typisch für Kinder generell, sie sagen selten in klaren Worten, dass sie überfordert sind. Stattdessen zeigt sich das über Körper und Verhalten. Ein in Tokyo interviewter Lehrer beschrieb genau diesen Wiedereinstieg im Mai als Moment, in dem man als Erwachsener sehr genau hinschauen muss, weil die Kinder äusserlich oft ganz normal funktionieren, sie sitzen im Unterricht, melden sich, essen ihr Schulessen, und trotzdem verschiebt sich innerlich etwas, ohne dramatisches Warnsignal. Genau das macht es für Eltern so leicht, die Anzeichen als simples keine Lust auf Schule abzutun.

  • Bauchschmerzen und andere körperliche Beschwerden ohne erkennbare Ursache
  • Schlechterer Schlaf, Einschlafprobleme, nächtliches Aufwachen
  • Erschöpfung und Müdigkeit trotz ausreichend Schlaf
  • Reizbarkeit und plötzliche Wutausbrüche
  • Rückzug, ungewöhnliche Stille, Klammern an die Mutter beim Verabschieden
  • Verweigerung, morgens überhaupt loszugehen

Warum ausgerechnet der Rhythmuswechsel das Problem ist

Der eigentliche Auslöser ist nicht Golden Week als Ereignis, sondern der abrupte Wechsel zwischen zwei komplett unterschiedlichen Lebensrhythmen. Auf der einen Seite die entspannte Ferienzeit, auf der anderen Seite der extrem durchgetaktete Schulalltag Japans mit Pünktlichkeit, Gruppenkonformität, Uniformvorschriften und einem festen Regelwerk, das für Kinder deutlich einschneidender ist als für uns Erwachsene. Für ein Kind bedeutet Golden Week nämlich nicht nur ein bisschen Erholung, sondern das komplette Wegfallen der Morgenroutine, des festen Sitzplatzes im Klassenzimmer und des Hausaufgabenplans, kurz gesagt der ganzen Struktur, an der sich der Schulalltag entlanghangelt. Besonders hart trifft es Kinder, die ohnehin schon mit Leistungsdruck, Erfolgsdenken oder Konflikten in der Klasse zu kämpfen haben, bei denen kippt das fragile Gleichgewicht schneller als bei Klassenkameraden, die eh entspannter durchs Schuljahr schlendern. Und ja, dieses Grundmuster taucht in Japan nicht nur nach Golden Week auf, sondern grundsätzlich nach jeder längeren Ferienpause, Golden Week bekommt bloss die meiste Aufmerksamkeit, weil der Rhythmuswechsel hier besonders krass ausfällt.

Wo du May Blues (Go-gatsu Byo) in Japan live miterlebst

Wenn du im Mai in Japan unterwegs bist, brauchst du dafür kein Museum und kein Ticket, das Phänomen läuft quasi live vor dir ab, sobald du morgens zwischen sieben und acht Uhr in der Nähe einer Grundschule oder an einer Bahnstation im Wohnviertel stehst. Schau dir die Gesichter im Pendlerzug an, in der zweiten Maiwoche wirkt der ganze Moloch irgendwie stiller und müder als sonst, weniger Smalltalk am (Konbini, Convenience Store, kleiner Supermarkt), mehr stumme Blicke aufs Handy. In Elterngesprächen an der Schule oder beim Small Talk mit japanischen Kollegen kommt der Begriff go-gatsu byo praktisch von selbst aufs Tapet, sobald du fragst, warum gerade jetzt alle irgendwie schlapp wirken, und lokale Nachrichtensendungen sowie Zeitungen wie die Mainichi greifen das Thema traditionell jedes Jahr im Mai wieder auf.

  • Morgens an einer Grundschule oder Bahnstation beobachten, wie sich der Wiedereinstieg anfühlt
  • Gespräche mit Eltern oder Lehrern über die Schulwoche nach Golden Week suchen
  • Aktuelle Berichte japanischer Medien wie der Mainichi zum Thema verfolgen
  • Schulgesundheitsdienste und kommunale Beratungsstellen beachten, die im Mai gezielt Sprechstunden anbieten

Was du daraus mitnehmen kannst

Ich behandle go-gatsu byo mittlerweile nicht mehr als kuriose Randnotiz, sondern als ziemlich verlässlichen Kalendereintrag, an dem sich einiges über japanische Schule, Arbeitskultur und den Umgang mit Kindern ablesen lässt. Wenn du selbst Kinder hast, die in Japan zur Schule gehen, oder einfach verstehen willst, warum halb Tokyo Mitte Mai wie im Autopilot wirkt, lohnt sich der Blick auf genau diese Wochen nach Golden Week. Und falls dich interessiert, wie der ganz normale Schulalltag in Japan sonst so tickt, abseits von Ferien und Stimmungstiefs, schau doch mal in die anderen Artikel hier auf der Seite.

KI-generiert

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