Tokyo Flood Tunnel: Die unterirdische Kathedrale im Moloch

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Pixel-Art-Bild: Tokyoter Akihabara-Straße bei Nacht mit Neon-Lampions, Arcade-Cabinets und Fuji-Silhouette

Ich habe in einigen Jahren in Tokyo einiges an Regen abbekommen, aber der Tag, an dem ich zum ersten Mal vor dem Eingang zum Tokyo Flood Tunnel in Saitama stand, hat meine Vorstellung von Kanalisation komplett neu sortiert. Man fährt eine gute Stunde aus dem Moloch raus, steigt eine Treppe in die Tiefe runter, und plötzlich steht man in einer Halle, die aussieht, als hätte jemand einen europäischen Dom gebaut und dann vergessen, ihn mit Kirchenbänken zu füllen. Genau darum geht es hier: um das größte unterirdische Flutschutzsystem der Welt, das seit über zwei Jahrzehnten leise seinen Job macht, während oben Regen auf Regenschirme prasselt.

Überblick

Offiziell heißt das Ding Metropolitan Area Outer Underground Discharge Channel, im Alltag nennt es dort eigentlich niemand so, in Japan ist von G-Cans die Rede, und international hat sich der Name Tokyo Flood Tunnel eingebürgert. Tokyo setzt schon seit Jahrzehnten auf eine Kombination aus Tunneln, Pumpstationen und oberirdischen Maßnahmen, um die Metropolregion vor (kouzui, Hochwasser, Überschwemmung), also Hochwasser, zu schützen, und diese Anlage ist davon die bekannteste und größte. Gebaut wurde sie zwischen 1992 und 2006 nördlich von Tokyo in der Präfektur Saitama, Berichten zufolge für rund zwei Milliarden US-Dollar, was selbst für japanische Infrastrukturprojekte eine Hausnummer ist. Ihr Job: die Flüsse der Kanto-Ebene bei Starkregen und Taifunen zu entlasten, bevor sie sich ihren eigenen Weg durch Vorgärten und Bahngleise suchen.

Tokyo Flood Tunnel
Queale, Alan / Wikimedia Commons (Public domain)

Wie das System die Wassermassen bändigt

Das Prinzip ist im Kern simpel, auch wenn die Umsetzung alles andere als simpel war. Oberirdische Einlasskanäle sammeln Wasser aus den umliegenden Flüssen und leiten es in ein gewaltiges unterirdisches Reservoir, von dort geht es durch einen Haupttunnel weiter Richtung Edo-Fluss. Bei Starkregen schließen sich Ventile, Schleusentore öffnen sich, und das Wasser strömt in den Tunnel, wo es zwischengelagert wird, bis riesige Pumpstationen es kontrolliert in das Flussbett des Edo-Flusses drücken und so lokal die Überschwemmungsgefahr senken. Diese (ponpu, Pumpe), wie die Pumpen auf Japanisch heißen, sind keine Wasserspielzeuge, sie bewegen im Ernstfall tausende Liter pro Sekunde, und das Ganze läuft automatisiert, gesteuert von Wasserstands- und Wetterdaten, ohne dass nachts jemand aufstehen und einen Hebel umlegen muss. So schützt die Anlage dicht besiedelte Wohnviertel, Straßen, Bahnlinien und Häuser in der gesamten Region vor genau der Art von kouzui, die andernorts ganze Stadtteile lahmlegt.

Warum jeder von der unterirdischen Kathedrale spricht

Der Spitzname unterirdische Kathedrale ist keine Marketingerfindung, sondern die logische Reaktion jedes Menschen, der die Hauptkammer der Anlage zum ersten Mal betritt. Rund 500 Tonnen wiegt jede der massiven Stützsäulen, die dort stehen, um dem Druck der bewegten Wassermassen standzuhalten, und in Reih und Glied wirken sie eher wie das Kirchenschiff eines gotischen Doms als wie Zweckbeton. Ich habe dort Leute getroffen, die extra aus dem Ausland angereist waren, nur um Fotos von einer Regenwasseranlage zu machen, was ich, ehrlich gesagt, absolut nachvollziehen kann, denn die Halle hat eine Ruhe und einen Maßstab, den man eher in einem Museum erwartet als in einem Katastrophenschutzbauwerk.

Tokyo Flood Tunnel
Queale, Alan / Wikimedia Commons (Public domain)

Bosai: Japans Kultur der Katastrophenvorsorge

Wer in Japan lebt, kommt am Konzept (bosai, Katastrophenvorsorge) nicht vorbei, dem kulturell fest verankerten Ansatz, sich systematisch auf Katastrophen vorzubereiten, seien es Erdbeben, Taifune, Starkregen oder Erdrutsche. Der Tokyo Flood Tunnel ist eines der sichtbarsten Beispiele dieser Haltung, weil er nicht auf den nächsten Notfall wartet, sondern permanent im Hintergrund mitläuft. Ergänzt wird das unterirdische System durch den sogenannten Sponge-City-Ansatz, bei dem Stadtgrün, durchlässige Pflasterflächen, Gründächer und Rückhaltebecken in die Stadtlandschaft integriert werden, damit Regenwasser gar nicht erst komplett in die Kanalisation drängt. Berichten zufolge hat die Kombination aus Tunnel, Pumpen und Sponge-City-Maßnahmen die Flutschäden in der Region bei größeren Sturmereignissen um rund 90 Prozent reduziert, was, wenn man bedenkt, wie dicht besiedelt die Kanto-Ebene ist, eine ziemlich ordentliche Zahl ist.

Der Tokyo Flood Tunnel in Kasukabe besuchen

Das Beste an der Sache: Du kannst dir das alles selbst ansehen, denn ein Teil der Anlage in Kasukabe wird für Führungen genutzt, organisiert über das dortige Ryokuchi Kanri Center. Reservierungen sind Pflicht, die Plätze sind begrenzt, und je nach Termin findet die Führung nur auf Japanisch statt, was für dich als Ausländer kein Beinbruch sein muss, denn die Halle spricht auch ohne Übersetzung für sich. Praktischer Tipp aus eigener Erfahrung: früh buchen, denn die Termine sind bei Regen-Nerds, Fotografen und Schulklassen gleichermaßen beliebt, und weil die Anlage bei tatsächlichem Hochwasser natürlich Vorrang vor Touristenfotos hat, kann es kurzfristig zu Absagen kommen. Von Tokyo aus erreichst du Kasukabe bequem mit der Bahn, und ich würde den Ausflug mit einer der umliegenden Städte der Präfektur Saitama kombinieren, damit sich die Anfahrt richtig lohnt.

Tokyo Flood Tunnel
From a variety of images credited above. / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)

Vokabeln für alle, die nebenbei Japanisch lernen wollen

Wenn du eh vor Ort bist, kannst du den Besuch auch gleich als Vokabeltraining nutzen, denn rund um Hochwasser und Katastrophenschutz gibt es ein paar Begriffe, die dir in japanischen Nachrichten ständig begegnen werden.

  • kouzui – Hochwasser beziehungsweise Überschwemmung
  • ponpu – Pumpe, also genau die Maschinen, die im Tunnel für den entscheidenden Schub sorgen
  • bosai – Katastrophenvorsorge, das übergeordnete Konzept hinter der ganzen Anlage
  • (taifuu, Taifun) – Taifun, der Hauptgrund, warum diese Tunnel überhaupt gebraucht werden

Ob du am Ende wegen der Ingenieurskunst kommst, wegen der Kathedralen-Optik oder weil du irgendwie schon immer mal eine Pumpstation von innen sehen wolltest, spielt keine Rolle, der Tokyo Flood Tunnel liefert in jedem Fall ab. Und falls du dich fragst, wie viel japanische Bürokratie so eine Reservierung eigentlich kostet: dazu vielleicht ein andermal mehr.

KI-generiert

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