Überblick: Warum Japan sein Tourismus-Modell komplett umbaut
Ich stand letzten Sommer kurz nach sieben Uhr morgens vor dem ersten 鳥居 (Torii, Schreintor) von Fushimi Inari Taisha, fest überzeugt, ich hätte den Ansturm ausgetrickst. Falsch gedacht: Schon zu dieser Uhrzeit schoben sich gefühlt hundert Leute mit Selfie-Sticks durch die roten Tore, und mir wurde klar, dass ich mitten im aktuellen Japan-Tourismus-Dilemma stehe, nicht als Zuschauer, sondern als Teil davon. Genau darum geht es in Japans neuer Tourismusstrategie: weg vom reinen Zählen von Köpfen, hin zu sogenanntem High-Yield-Tourismus, bei dem Besucher gewollt sind, die länger bleiben und mehr Geld dalassen, statt nur kurz durchzurauschen und ein Foto mitzunehmen.
Der Hintergrund ist simpel, wenn man sich die Zahlen ansieht. 2019 kamen mit 31,88 Millionen Besuchern so viele Ausländer wie nie zuvor nach Japan, dann brach die Pandemie alles ein. 2023 lag man mit über 25 Millionen Ankünften schon wieder nah am alten Rekord, und 2024 wurde dieser Rekord mit rund 36,87 Millionen internationalen Gästen sogar deutlich übertroffen. Die meisten davon landen ohnehin erstmal im Moloch Tokyo, bevor es weiter nach Kyoto oder an den Fuji geht, aber genau die Verteilung danach ist der eigentliche Knackpunkt. Klingt nach einer Erfolgsgeschichte, ist es wirtschaftlich betrachtet auch, nur eben mit einem Haken: Orte wie Kyoto oder der Fuji sind für dieses Besuchsvolumen schlicht nicht gebaut, und genau da setzt die neue Strategie an. Die Tourism Agency, das Ministerium für Land, Infrastruktur, Transport und Tourismus (MLIT) und die Japan National Tourism Organization (JNTO) koordinieren sich inzwischen enger mit den Präfekturregierungen, um Wachstum und Regulierung irgendwie unter einen Hut zu bekommen.
Kyoto, Fuji und die Orte, an denen die Krise sichtbar wird
Wenn du wissen willst, wie sich Overtourism konkret anfühlt, geh mal durch Kyotos Higashiyama-Viertel. Dort hängen mittlerweile Schilder auf Japanisch und Englisch, die Touristen bitten, nicht in private Gassen einzudringen, nicht im Gehen zu essen und 芸妓 (Geiko, Geisha (Kyoto-Dialektbegriff)), die Kyoto-Version der Geisha, nicht ungefragt zu fotografieren. Manche Anwohner meiden ihre eigene Straße zu Stoßzeiten komplett, was für eine Stadt, die eigentlich vom Tourismus lebt, eine ziemlich bittere Pointe ist. Auch das Gion-Viertel und der Nara-Park, wo die berühmten Rehe für Selfies posieren müssen, gelten als notorische Hotspots.
Bei Fushimi Inari Taisha kursiert oft die Zahl von drei Millionen Besuchern, die stimmt aber nur für die ersten drei Tage des neuen Jahres, wenn beim 初詣 (Hatsumode, erster Schreinbesuch im neuen Jahr) halb Kyoto zum Schrein pilgert. Übers ganze Jahr gerechnet kommen etwa zehn Millionen Menschen vorbei, was die Sache nicht wirklich entspannter macht. Am Fuji ist es ähnlich unübersichtlich: Im Sommer 2023 sind über alle vier Routen zusammen rund 221.000 Menschen aufgestiegen, wobei allein auf den Yoshida-Trail in Yamanashi etwa 137.000 Kletterer entfielen, nicht die kompletten 220.000, wie man manchmal liest. Diese Konzentration auf eine einzige Route ist genau das Problem, das Fujinomiya und Yamanashi jetzt mit eigenen Zugangsregeln angehen wollen.
Strengere Kontrollen: Was sich für Besucher und Anbieter ändert
Weil Kyoto und die Fuji-Region zunehmend Probleme mit unlizenzierten Reiseführern und illegalen Kurzzeitvermietungen melden, die lokale Vorschriften einfach umgehen, hat sich die Regierung eine ganze Reihe von Maßnahmen überlegt. Geplant sind strengere Kontrollen, höhere Bußgelder, klarere Lizenzpflichten für Unterkünfte und mehr Befugnisse für Polizei und Kommunalverwaltungen, um gegen nächtliche Ruhestörung und unautorisierte kommerzielle Aktivität in geschützten Zonen vorzugehen. Und da ich auf keinen Fall in eine dieser Kontrollen als angeblich illegaler Guide hineinstolpern wollte, habe ich bei meiner letzten Kyoto-Tour lieber zweimal nachgefragt, ob mein Guide überhaupt offiziell zugelassen ist.
Kyoto experimentiert außerdem mit ausgewiesenen Sightseeing-Zonen, in denen kommerzielles Filmen und geführte Touren nur noch mit Genehmigung erlaubt sind, ein Modell, das man sich gut auch für andere überlaufene Ecken Japans vorstellen kann. Berichtet wird zudem, dass die Stadt lokale Regeln gegen nächtliche Guided Tours und laute Partys in Wohngebieten eingeführt hat, allerdings ist die Quellenlage dazu bislang nicht ganz eindeutig, weshalb ich das lieber als im Raum stehend einordne statt als fix bestätigte Regel.
Geld für die Natur statt nur für die Instagram-Spots
Der vielleicht unterschätzte Teil der Strategie ist die Investition in Nationalparks, weil sich die öffentliche Debatte fast immer nur um Kyoto und den Fuji dreht. Tatsächlich fließt gerade Geld in mehrere Parks, unter anderem in:
- Shiretoko im Nordosten Hokkaidos
- Oze an der Grenze mehrerer Präfekturen in Zentraljapan
- Fuji-Hakone-Izu, also die weitere Umgebung des Fuji
- Yakushima mit seinen jahrtausendealten Zedernwäldern vor Kyushu
Finanziert werden bessere Wanderwege, neue Besucherzentren und ein vernünftigeres Müllmanagement, damit die Besucherzahlen nicht länger unkontrolliert auf die Natur draufknallen. Im Daisetsuzan-Nationalpark auf Hokkaido wurden dafür schon neue hölzerne Bohlenwege gebaut, die den Boden vor Erosion schützen und gleichzeitig das Wandererlebnis angenehmer machen, ein ziemlich pragmatischer Ansatz, wie ich finde. Aus Yakushima gibt es zudem Berichte über stark ausgetretene Pfade durch die empfindlichen Zedernwälder, dort wäre ähnliche Schutzinfrastruktur eigentlich überfällig, auch wenn diese konkrete Beobachtung aus einem einzelnen Reisebericht stammt und nicht als offizielle Bestandsaufnahme gilt.
Kanko Kogai und Kajo-Kanko: das Vokabular zur Krise
Wenn du dein Japanisch aufpolieren willst, während du dich in dieses Thema einliest, merk dir zwei Begriffe. 観光公害 (Kanko kogai, Tourismus-Umweltverschmutzung) bedeutet wörtlich Tourismus-Umweltverschmutzung und wird in offiziellen Mitteilungen und lokalen Debatten benutzt, um genau die Belastung zu beschreiben, die ich am frühen Morgen vor dem Fushimi-Inari-Tor gespürt habe. 過剰観光 (Kajo-kanko, Übertourismus), also übermäßiger Tourismus, ist im Grunde das japanische Pendant zu unserem Overtourism und taucht mittlerweile genauso selbstverständlich in Zeitungsartikeln auf wie in Gemeinderatsprotokollen. Beide Begriffe zeigen ziemlich gut, wie sich Sprache verändert, sobald ein gesellschaftliches Problem einen eigenen Namen braucht, und für alle, die ernsthaft Japanisch lernen, lohnt es sich, genau dieses aktuelle Vokabular mitzunehmen statt nur Lehrbuch-Japanisch zu pauken.
Wo du diese neue Strategie in Japan tatsächlich zu spüren bekommst
Als 外人 (Gaijin, Ausländer) merkst du die Strategie am ehesten dort, wo du sie am wenigsten erwartest: nicht am Flughafen, sondern mitten in der Kyoto-Gasse, wenn dich ein Schild höflich, aber bestimmt daran erinnert, dass du hier nicht der Einzige bist, der gerade ein Foto will. Willst du die ruhigere Seite erleben, lohnt sich ein Abstecher in einen der geförderten Nationalparks: Die neuen Bohlenwege in Daisetsuzan, die Moorlandschaften in Oze oder die alten Wälder auf Yakushima zeigen, wie Japan versucht, Besucherlenkung statt Besucherabwehr zu betreiben. Am Fuji bedeutet das inzwischen, sich vorab über die aktuellen Zugangsregeln der jeweiligen Route zu informieren, statt spontan am Yoshida-Trail aufzutauchen und sich zu wundern, warum plötzlich alle das Gleiche vorhatten. Und wenn du in Kyoto unterwegs bist, halt dich einfach an das, was eigentlich jeder Reiseknigge sagt: nicht in private Gassen latschen, nicht im Gehen essen, Menschen nicht wie Fotomotive behandeln, dann bist du schon der Gast, den sich diese ganze High-Yield-Strategie eigentlich wünscht.
Wenn du wissen willst, wie du dich in Kyoto so bewegst, dass dich die Nachbarschaft nicht hasst, oder welche Regeln aktuell für die einzelnen Fuji-Routen gelten, schau dir das am besten direkt vor deiner Reise noch mal genauer an, die Lage ändert sich gerade schneller, als man einen Bohlenweg bauen kann.
